Nautic Club Austria

Roma X2 mit Classe Mini „Naila“ – kein Mini-Abenteuer

Wie viele von euch schon wissen, treten seit einiger Zeit 2 unserer Clubmitglieder in der Soloklasse „Classe Mini“ an. Mit „Naila“ ist Valentin Breitfuss für Team Aladin Racing in Rom bei der Roma per Due (Roma X2) an den Start gegangen. Und weil dieses Rennen entgegen dem üblichen Solo-Gebrauch ein Zweihand-Rennen ist, fragte mich Valentin ihn zu begleiten. Gar kein Mini-Abenteuer, wie sich herausstellen würde.

 

Eine Regatta in Rom? Klingt cool, vielleicht sogar romantisch, oder? Aber Rom hat doch selbst gar keinen Hafen, oder? Nein, der eigentliche Ausgangsort war Riva die Traiano, etwa 70 Kilometer nordwestlich von Rom. Trotzdem ist der Ort leicht erreichbar, vor allem weil Rom ja mit dem Nachtzug sowohl aus Graz als auch aus Salzburg, wo Valentin zuhause ist, ohne Umsteigen erreichbar ist. In Riva angekommen bot sich ein netter, durchaus beachtlicher Hafen, mit netten Bars und guten Seemannsgeschäften direkt im Hafenbereich. Wir würden beide häufiger besuchen als uns jetzt bewusst war.

Die Regatta würde eigentlich erst am Samstag anfangen, und war für verschiedenste Klassen ausgeschrieben, eben auch für Minis. Aber weil es an einer Mini IMMER etwas zu reparieren gibt, und ich das Boot noch gar nie gesegelt war, war es gut, dass wir rechtzeitig vor Ort waren. Am Donnerstag gab es außerdem einen Prolog, ein kurzes Rennen, vor der Küste, vor allem mit dem Ziel die Medien mit Inhalten zu bedienen. Eine ideale Gelegenheit sich an das durchaus gewöhnungsbedürftige Boot gewöhnen zu können.

Mini-segeln bedeutet entbehren. Alles wird aus verschiedensten Gründen auf das Notwendigste reduziert. Das fängt bei der Rumpflänge von gerade mal 6 Meter und 50 Zentimeter an, und hört eigentlich nicht auf. Leinenstärke (dünn!), Deckdichtheit (undicht!), Essensvorräte (Trockenfutter), usw… Nur bei dem Thema Sicherheit kennen die Mini-Segler (sorry, kaum „-innen“) keinen Verzicht. Und das ist gut so. Und weil das Boot für die meisten ihrer Eigner mehr ein erstes als ein zweites Zuhause ist, kennen sie sich auf ihrem Boot blind aus. Das ist gut, aber für Neulinge wie mich durchaus eine Challenge. Viele Leinen, viele in der gleichen Farbe, führen am Dach des Cockpits zusammen, und es braucht durchaus Eingewöhnung, bis man sich da auskennt.

Der Prolog hatte nur Folgen für die Platzierung im eigentlichen Rennen, wenn man nicht antrat, also nutzten wir den Donnerstag, um die Abläufe zu üben. Für mich war alles neu, und für Valentin war es neu, dass immer gerade jemand dort im Weg stand, wo etwas zu tun war, wo doch auf dem Boot eh eigentlich schon keinen Platz für zwei ist. Aber wir fanden uns zurecht, und kamen nach einem netten Segelnachmittag wieder in den Hafen. Der Prolog wäre eigentlich keine Herausforderung gewesen, wurde doch der Kurs von einer 2-3 Stunden „Lang“-Strecke auf drei Runden Up & Down geändert. Nur, dass wenden ohne Fahrt durch das Wasser nicht geht, lässt sich auf einer Mini hervorragend demonstrieren, und so kamen wir verspätet an den Start. Und dann war auf Grund der Lage des Starthauses der Kurs so gewählt, dass sowohl Up als Down Halbwindkurse waren. Naja, wie gesagt, das Ergebnis war die Eingewöhnung.

Der Donnerstagabend wurde mit allen Klassen gemeinsam im Club verbracht, der eher die Atmosphäre eines Golfclubs hatte. Gutes Essen, live Musik und die Mini-Community unter sich machten es zu einem netten, aber kurzen Abend. Es war sich wohl jeder bewusst, dass noch vieles zu erledigen war. 

Am Freitag standen einige letzte Vorbereitungen an, wie etwa das von Bord-bringen von Übergewicht, Einkaufen und das Skipperbriefing. Das Putzen des Unterwasserschiffes hob ich mir für Samstag Früh auf. (Das könnte einen Fehler gewesen sein…) Beim Skipperbriefing wurde vieles auch für die anderen Klassen angesprochen. Natürlich trotz internationaler Ausschreibung alles in Italienisch. Es gab eine von der Organisation „beauftragte“ Simultan-Übersetzung. Ein Italiener, der auch Englisch sprach, setzte sich inmitten derer die nicht Italienisch sprachen. Als dann der offizielle Teil vorbei war, blieben 30 Mini-Skipper und Co-Skipper:innen mit mehr Fragen als Antworten zurück. Zum Glück fanden der Wettfahrtleiter und der Meteorologe noch Zeit für eine extra Session. Da wurde dann klar, dass es schwer werden würde. Ein Schwerwetterfront wurde just von Sonntag auf Montag über das Tyrrhenische Meer ziehen. Grundwind bis 30 Knoten, Böen bis 40. Für die, die einen Übungstörn gewohnt sind, eigentlich machbar. Außerdem gab es genügend Möglichkeiten eine risiko-ärmere Route zu wählen also war Verschieben keine Option.

Die italienischen Skipper der Minis sahen das anders. Am nächsten Morgen, kurz bevor ausgelaufen werden sollte, mobilisierten sie die Skipper zur Wettfahrtleitung und teilten ihre Sorgen. Es wurde daraufhin beschlossen, anstatt um Ventotene und Lipari nur um Ustica herum zu fahren. Damit wäre die Route freier wählbar, und könnte jeder Skipper das Risiko eingehen, dass er bereit war zu nehmen. 7 Italiener liefen dann schlussendlich nicht aus, womit nur 8 Minis ins Rennen gingen. Deren Fehler, aber das weiß man immer erst im Nachhinein.

Kurz vor diesen bereits im Hafen einigermaßen stürmischen Ereignissen, hatte ich mich noch im Neopren aufgemacht, um das Unterwasserschiff zu reinigen. Leider ging ich dazu verfrüht und nur bedingt freiwillig ins Wasser. Ein unbedachter Tritt von der Mole auf dem noch taunassen Bug führte zu einem Novum in meiner Segelkarriere: Einem Sturz ins Hafenbecken. Zum Glück fing ich mich mit meinem Oberarm und meiner Achsel beim Bugkorb. Mit einem Einschlag in den Kopf eingeleitet über meinem Kinn, wäre eine Modelkarriere wohl endgültig abzuschreiben, wo doch die kognitive Leistung dieses Körperteils ja ohnehin schon in Mitleidenschaft gezogen war. Wegen den Schmerzen im Oberkörper aber nicht an den Start zu gehen, käme für mich nicht in Frage, vor allem, weil ich Valentin nicht hängen lassen wollte. Außerdem war ich mir sicher, dass der Solo-Segler auch Solo auf seinem eigenen Boot zurechtkommen würde. Wenn gar nichts gehen würde, müsste ich notfalls also nur aushalten. (Dass es trotzdem besser gewesen wäre, zurückzubleiben, würden mir zu Hause dann mehrere Ärzte bestätigen…)

Also… Kurz vor dem Startsignal der anderen Klassen wurden wir hinausgezogen, setzten die Segel und warteten die Startsequenz unserer Klasse ab. Und dann ging es auch schon los, auf gen Süden. Zunächst mit einer angenehmen Brise. Wir hatten uns vom Meteorologen erklären lassen, dass das Starkwindgebiet sich wie gezeigt, oder auch weiter nach Osten etablieren könnte. Deswegen würde unsere Strategie uns früh nach Westen führen, um dann an der Westseite des Starkwindgebietes die Windstärke aussuchen zu können: zu wenig? Mehr nach Ost. Zu viel? Mehr nach West. Um etwa 19:00 erfolgte daher die Wende und der schlag nach rechts, Steuerbord wenn man so will. Und dann kam auch schon die erste Flaute. Eine ruhige Nacht, wo wir noch etwas Schlaf holen konnten.

Die Nacht darauf war dann das komplette Gegenteil. Wir folgten unserem Routing, das man ja nur ein Mal vor dem Start machen kann, ziemlich genau. Und trotzdem führte uns das wider Erwarten in sehr starken Winden. Drittes Reff mit Sturmfock. Zu meiner Verwunderung hätte die Sturmfock sogar auch ein Reff! Wir zogen es vor es nicht zu setzen. Nicht weil es nicht brauchbar oder notwendig gewesen wäre, sondern weil kaum daran zu denken war es zu setzen. Gestützt von unserem einzigen weiblichen Crewmitglied, der Steueranlage, legten wir uns hin. Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich nicht mehr erinnern kann wie lange, aber es muss in meinem Fall sehr lange gewesen sein. Ich vermute mal etwa 10 Stunden (!!!). In dieser Zeit dürfte die Kombination aus Scopolamin (gegen Seekrankheit) und Seractil (sollte eigentlich gegen Schmerzen helfen) aus mir einen schlafwandernden Komapatienten gemacht haben. Nach meinem Dienst zuvor, wo mir schlecht wurde, bzw. ich von der Meerjungfrau angerufen wurde, dürfte ich im Liegen bei jeder großen Welle ein schmerzverzerrter Jammerstöhn von mir gegeben haben, sodass man glauben könnte einer Lokomotive gehen die Kohlen aus. Es tut mir jetzt noch leid, dass ich Valentin da hängen habe lassen, aber an bewusste Handlungen war in dieser Phase nicht zu denken.

Valentin meisterte auch diese Herausforderung mit Bravour, sodass wir uns am nächsten Morgen auf die Suche nach diesem Stein namens Ustica machen konnten. Außerdem machten wir uns mittels AIS auf die Suche nach dem Rest des Feldes, weil wir uns ja spätestens hier wieder treffen könnten… Und wenn man sich nicht trifft, ist eben die Frage, wo sind die anderen? Vor oder hinter uns? Knapp unter Land sahen wir dann doch einen Mitsegler, der die Insel wesentlich knapper rundete als wir es taten. War aber egal, nun begann nämlich der lustige Teil des Rennens: Raumwindgleiten!

Und wie ein Mini abgeht! Trotz schwieriger Wellenlage hat man mit 10-15 Knoten Wind die Möglichkeit, 8-10 Knoten zu segeln. Bei richtiger Gewichtsverteilung und günstiger Wellenlage gehen sich dann sogar schon kleine Surfs aus. Also machte ich mich auf Händen und Füssen auf unter Deck, um unser Gepäck zu verlagern, damit wir es in Geschwindigkeit umsetzen konnten. Wir mussten die Wellen von Hand aussteuern, nicht nur weil die Wellen schwierig waren, sondern weil Naila‘s Windsensor Kurzschlüsse machte. Deswegen keine Windrichtung, und daher auch keine TWA als Input für das weibliche Crewmitglied. Die Verkabelung im Mast wäre zu tauschen… eine Sache, die man wohl lieber macht, wenn der Mast mal liegt… Was aber in naher Zukunft nicht unbedingt am Plan steht.

Was uns die Steueranlage aber schon zeigte, ist die Ankunft am nächsten Wegpunkt, quasi das Ziel… Und durch die Surfs, die Valentin vor allem in seiner Schicht in der Nacht einlegte, wurde diese natürlich verkürzt. Es entstand kurz die Hoffnung am Dienstag ankommen zu können, wenn auch kurz vor Mitternacht. Und wenn jemand sagt „die Hoffnung stirbt zuletzt“, dann stimmt das zumindest in diesem Fall nicht. Es kam Flaute und wir konnten zuschauen wie aus Mitternacht 03:00, 05:00 und sogar noch später wurde. Einziger Lichtblick: Valentins Surfs und unsere Konsequenz bei Trimm und Segelwechsel führten dazu, dass wir den Kollegen vom Stein einholten, und überholten.

Kurz vor dem Ziel am Mittwochvormittag wurde es dann nochmal spannend. Der Kollege hatte einen anderen Kurs gewählt, auf dem er mit Code0 segeln konnte. Weil wir unseren neuen Furler ich-weiss-nicht-wann zerstört hatten, wäre kaum daran zu denken, ihn zu setzen. Also wählten wir eine direktere Linie zum Ziel. Er kreuzte trotzdem nach 500 Meilen eine Bootslänge (!!!) vor uns. Dann kam uns aber die Tornado/J70-Erfahrung zugute. Als Führender sollte man immer zwischen Ziel und Gegner bleiben. Das tat unser Kollege nicht, womit wir uns vor ihn hin arbeiten konnten, etwa 10 Meilen vor dem Ziel.

Wir kamen am Mittwoch um 10:15 an, und die Kollegen etwa eine viertel Stunde später. Begrüßt wurden wir vom Medienteam mit einer Flasche Prosecco. In den sozialen Medien ist zu sehen, wie mir die Vergeudung dieses Lebensmittels nicht ganz recht ist, aber getrunken habe ich davon dann doch nach alten Kräften. Empfangen wurden wir von den anderen Seglern der Klasse (die einzige weibliche Co-Skipperin war noch unterwegs). Stegbier also.

Und da wurde manches klarer. Die Italiener waren schon weg, wollten nicht mit ansehen, wie die ganze aktive Flotte aus dem vermeintlich unsegelbaren Bedingungen ohne windverursachte Schäden wiederkehrte. Daheim bleiben also umsonst. Gewonnen hatten die, die eigentlich bereit gewesen wären das meiste Risiko auf sich zu nehmen, und gerade aus durch das Starkwindgebiet zu fahren. Die meldeten dann aber maximale Grundwindstärken von 25 Knoten gemessen zu haben, und Böen, die nicht viel stärker waren. Umweg fahren also umsonst! Aber jeder der Angetretenen war viele Geschichten, einiges an Erfahrung, und 500 Meilen am Mini-Klassifikationskonto reicher. Gar nicht umsonst.

Noch am gleichen Tag begannen wir mit dem Aufräumen. Alles war nass und salzig, und wenn man das Boot nicht vom Salz im Inneren befreit, geht das nicht lange gut. Ich tat mein Bestes. Die Segel überließen wir dem nahenden Regen, auch der tat sein Bestes, meinte sogar er müsste sich um das Innere des Bootes auch nochmal kümmern… Eine nasse Nacht. Das Abschlussessen in kleiner Runde zuvor war für mich der Höhepunkt. Alle hatten etwas zu erzählen. Keiner führte lange alleine das Wort und alle Erfahrungen wurden gleich wie die Pizza geteilt.

Danke Valentin, für dieses Mini-Abenteuer.

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