Von Wahrscheinlichkeiten und schweren Stürmen
Ein Bericht zum 47. Übungstörn (UT26) des NCA von Robert Muhr

Wenn man von Wahrscheinlichkeiten, oder konkreter noch von Eintrittswahrscheinlichkeiten spricht, ist es erst mal selbsterklärend – das Wort – andererseits ist es in unserem Fall wohl eher komplex als kompliziert.
Wie kann es sein, dass nun in vier Jahren dreimal richtiges Mistwetter war? Was zu Ostern, zum Übungstörn, gar nicht mehr selbsterklärend aber sicher komplex ist.
Was man nicht ändern kann, dass… Dafür kann man die Segel trimmen, oder so ähnlich, doch genug der kryptischen Einleitung.
Der Übungstörn folgte einem schon gewohnten Konzept – mehr Wind als es uns lieb ist, allerdings nicht wie 2025 mit einem gut bekannten Wettermodell, sondern mit einer Konstellation, die wir (angeblich) seit 100 oder 150 Jahren nicht mehr hatten. Da streiten sich noch die Gelehrten. Fakt ist, für alle die es interessiert, das Azorenhoch, das eigentlich um diese Jahreszeit eher Kanarenhoch heißen sollte, positionierte sich ungewöhnlich weit im Norden, machte so die Tür bei Gibraltar für ein Atlantiktief auf. Dieses und der Mistral, ungewöhnlich ausdauernd und befeuert durch die Vorderseite des, naja Azorenhochs, brachten viel kalte Luft ins Mittelmeer, bauten ein gewaltiges Genuatief auf und der Rest ist Geschichte. Eine ganze Woche feste Bora, inklusive einem Staubsauger über Sizilien, der dafür sorgte, dass diese Bora bis an die italienische Küste wehte.
Vergeben die Chance auf gemütliches Üben im Hafenbecken, kaum Gelegenheit für endloses Wenden und Halsen… und kaum jemand ging baden, es war einfach zu kalt.
Leider konnten wir auch heuer wieder nicht Ortona besuchen. Erst schien die Entscheidung fast falsch, rüber wäre ein Traum gewesen. Der Montag holte uns auf den Boden der Tatsachen zurück. Mancherorts über 50kn Bora bis weit aufs Meer raus wären kein Honiglecken gewesen. Auch die Abschlusswettfahrt wurde geopfert, um doch noch ein paar Stunden bei „abflauender Bora“ zu üben.

Aber ein Hindernis, eine Erschwernis ist auch oft eine Chance. Wer am UT26 dabei war, und das gilt nicht nur für die, die das erste Mal dieses Abenteuer auf sich nahmen, konnten viel lernen.
- Die Jachten halten viel aus, wenn man sie gut behandelt.
- Einige Jachten kann man in 40+ kn noch gut gegenan segeln, andere gar nicht mehr.
- Ein Plan ist nur ein Plan und es ist auch gute Seemannschaft, diesen, dem Wetter folgend, zu adaptieren.
- Wie segelt es sich auf Legerwall an einem Bora Loch vorbei?
- Es macht große Unterschiede, ob man 1 Kbl, 5 Kbl oder 3 sm an der Leeküste segelt.
- Wie verändern die Welle und die Windstärke die Abdrift und somit den Wendewinkel?
- Was ist der Unterschied zwischen der Warnung und der Prognose, und wie gut klappt das mit der Vorhersage, wenn eine Wettersituation die letzten 100 Jahre nicht mehr erforscht werden konnte?
- Wie wahrscheinlich ist es, dass bei der kommunizierten Vorhersage immer wieder die Geschwindigkeiten der Warnung deutlich übertroffen werden?

Manche Boote legten über 350 sm in diesem Wetter zurück, andere, nicht für diese Bedingung gebaut oder durch einen Defekt festgehalten, versäumten so manches Windfenster und wurden am Weiterkommen gehindert. Viel Sachen zu lernen, die vielleicht wichtiger sind als anders oft Gezeigtes. Wie wahrscheinlich kommt man dann gut an im Zielhafen? Diese Eintrittswahrscheinlichkeiten kann man durch verschiedene Maßnahmen erhöhen. Gute Entscheidungen helfen, gute Seemannschaft hilft, widerstandsfähige Crews helfen, gute Jachten helfen.
... und Glück, Glück hilft auch – und Demut.

Es scheint, als hätten wir genug von dem oben Genannten gehabt, in welcher Kombination auch immer. Keine wilden Verletzungen, keine groben Schäden – ein Gennaker wurde am Opfertisch Aiolos dargebracht. Nichts Wildes also.
Sieht man das große Ganze, also ein recht erfolgreicher Törn - dieser UT26. Aber einige, die nun dreimal im Sauwetter unterwegs waren, hoffen auf einen ruhigeren UT27. Ich hab schon mal in die Vorhersage für die Karwoche 2027 geschaut. Tagsüber Maestral und Sonne, nachts Burin um die 6kn…
Wäre nur die Frage der Eintrittswahrscheinlichkeit zu klären 😉

Für die Annalen:
Die Route führte uns von Sibenik nach Molat, von dort aus war der Plan, nach Sumartin zu segeln – die Bora ließ das aber bei vielen nicht zu. Am Dienstagnachmittag verkroch sich die Flotte in sicheren Häfen, die meisten in Milna, einige in der Gegend von Rogoznica und die Küstenflotte - bestehend aus Kinder- und Jugendbooten - sowie ein paar weitere in Skradin. Die nächsten 48 Stunden überließen wir dem Borasturm die Bühne. Am Donnerstag gegen Mittag, als das Wetter ein klein wenig freundlicher wurde, wurde gen Sibenik gefahren. Die Ecke beim Mulo zeigt hier deutlich die Unterschiede der Jachten - in Böen um die 40kn+ war das Aufkreuzen nach Sibenik immer noch Knochenarbeit. Hervorzuheben hier die Skalice, die mit ihren drei Reffs relativ leichtes Spiel hatte – so schaute es zumindest aus der Ferne aus.
Am Freitag konnte noch einiges geübt werden, hier lohnte sich die gute Revierkenntnis, denn auch an diesem Tag suchten alle Schiffe windgeschützte Plätze für Anker-, Segel- und Hafenmanöver auf. Pünktlich zum Anlegen in der Marina Mandalina ließ der Wind nach und der Törn klang friedlich aus.

Herzlichen Dank an alle Teilnehmer, Skipper und Co-Skipper für‘s Dabeisein!